Edda Winkel: Kräuter- Heinrich

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Heinrich war der ältere Bruder meiner Mutter. Ich kannte ihn nur von Bildern, vom Erzählen und später aus einem intensiven Briefwechsel.

Das meiste, was er wusste, hat er sich selbst beigebracht. In der einklassigen Holzpantinenschule in Ostpreußen wurde nur schreiben, lesen und rechnen gelehrt, regierte der Rohrstock und von Jahreszeiten abhängig wurde die Zeit genutzt, dem Lehrer in seiner kleinen Landwirtschaft zu helfen.

Heinrich ging nach der Schule, um Arbeit zu finden, ins Ruhrgebiet, wurde Schneider. Die Sehnsucht nach Wald, Wasser, Feld reiste mit, auch sein Drang nach Wissen über Gesetze und Zusammenhänge des Lebens.

Er heiratete Esther, wurde nicht glücklich mit seiner Frau, sorgte aber für seine Tochter und hat der Ute Studium und Ausbildung zur Lehrerin ermöglicht. Wir kamen in Kontakt, als er für sie um Unterrichtshilfen und Schulbücher aus der DDR bat, von deren hoher Qualität er gehört hatte.

Alt geworden, zog er mit seiner Mutter in ein Häuslein, klein, klein, winzig klein, ins Oberbergische Land. Nun begann sein wahres Leben. Er sammelte Kräuter, prüfte ihre Wirkung, hängte sie zum Trocknen an die Deckenbalken, kurierte seine Mutter, sich selbst, seine Schwestern und alle Nichten und Neffen, wenn sie es denn zuließen.

Ein reger Briefwechsel entwickelte sich zwischen uns, ich war als Biologielehrerin für ihn ein willkommener Gesprächspartner, gegenseitiger Austausch entstand. Immer wieder erkundigte er sich bei mir nach biologischen Sachverhalten. „Wie ist das menschliche Erbgut aufgebaut, was sind Aminosäuren, stimmt es, daß es nur zwanzig davon gibt und daß sie zum Aufbau jedes Lebewesens ausreichen?" Wie ein Schwamm saugte er auf, was er nur erfahren konnte und baute es in sein selbst geschustertes Weltbild ein.

Ich holte mir Rat von ihm bei hartnäckigen Krankheiten in meiner Familie und gebe bis heute davon auch an andere weiter. Damals dachte ich, es eines Tages im Ruhestand auch zu probieren, Kräuterfrau zu werden. Es ist aber alles ein bisschen anders gelaufen und statt Kräuter zu sammeln, schreibe ich heute Geschichten, erzähle, was ich erlebt habe, erinnere mich:

Ich befrage den Onkel, „was mach ich gegen die hartnäckige Bronchitis von Tochter Antje?" Er schickt eine besondere Teemischung und rät zu Spitzwegerichsaft.

Einmal erzähle ich ihm von Peters Magengeschwüren. Da gibt er mir gleich sechs Rezepte. Eins davon gefällt Peter sofort: „eine Handvoll Wermut und Thymian in einem halben Liter Weißwein gekocht, morgens nüchtern getrunken," Peter probiert, trinkt, fällt um, schläft bis zum Mittag, wacht auf und die Schmerzen sind weg.

Wir sind begeistert, der Onkel auch. Manches, was er schreibt, verstehe ich nicht, aber daran rühre ich nicht und achte es. Einen seiner sonderbaren Briefe von 1973, dem Geburtsjahr unseres Sohnes, hebe ich auf, darin steht, „Bevor ich etwas zu mir nehme, pendle ich. Alle Dinge strahlen bzw. werden durch Energie zur Sonne gehalten. Würde Brahma nur den Bruchteil einer Sekunde schlafen, würde die Welt zerfallen. Beweis : Kernenergie, negative und positive Energie, Pol und Gegenpol. Die Natur hilft sich selbst. Wenn aber des Menschen Geist und Glaube der Natur entgegen wirkt, entsteht ein Wunder."

Na, das erscheint mir alles ein bisschen phantastisch, sehr verworren. Was hat er sich da zusammen gereimt? Wie sieht er die Welt?

Seine Rezepte aber wirken und wirken weiter. Ich denke, „es gibt Dinge, die wir nicht verstehen, müssen wir das?"

Als die Großmutter, seine 87jährige Mutter stirbt, findet er sich nicht mehr zurecht, nimmt sich wenige Wochen später das Leben. Auch daran rühre ich nicht, achte es.

Meine Freundin Carla erzählt mir kürzlich aufgeregt, sie hat vor drei Tagen ein Pendel mit Anleitung und Deutungen erhalten, hat herum probiert, Krankheitsbilder und Leistungsvorlieben ihrer Familie bestätigt bekommen, ist verwundert und beeindruckt. Ja warum auch nicht. Sie freut sich, dass ich sie bestärke und ihr sage, ich glaube das, auch wenn ich es nicht verstehe.

Skeptikern kann ich nur raten, „setze dich im japanischen Garten vor die von einem Zen- Mönch geharkten Linien im Kies des steinernen Wasserfalls. Warte! Du wirst spüren, wie Energie in dich eindringt und sich in deinem Körper ausbreitet." Du glaubst mir nicht? Probiere es. Setze dich, du wirst es erfahren! Auf dieses Phänomen hat mich mein durch und durch rationaler Sohn aufmerksam gemacht, er, der weder an spirituelle Dinge glaubt noch mit fernöstlicher Medizin Erfahrungen gesammelt hat. Onkel Heinrichs Kräutermixturen haben jedenfalls auch ihm geholfen, damals als er noch ein kleiner Junge war.

Edda Winkel

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Veröffentlicht in Frauen(tag)

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